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...mit dem größten Tauschring Südbadens!
„IM KLEINEN IM GROßEN EINGEBUNDEN SEIN“: Regionaltreffen 2013 mit "Vorarlberg-Vorträgen"
Geschrieben von: R. Hartmann   

Wer sich für Tauschsysteme interessiert, für den ist der Name des österreichischen Bundeslandes rolf-schillingVorarlberg ein leuchtendes Beispiel. Der dortige Tauschring reicht weit ins soziale Leben hinein. Viele beteiligte Handwerker und Kleinunternehmer decken eine breite Palette des täglichen Bedarfs ab. Der Tauschring ist über eine Genossenschaft auch mit örtlichen Regionalgeldern verbunden. Beim diesjährigen Regionaltreffen der Tauschsysteme aus dem Umland – das bei unserem Sommerfest statt fand - sollte es vor allem um den Aspekt der Verrechnung von Zahlungen und Leistungen zwischen verschiedenen Tauschsystemen gehen. Deshalb beschlossen wir, als Referenten Rolf Schilling einzuladen. Er ist langjähriges Mitglied bei Talent Vorarlberg und hat dort auch verschiedene andere Funktionen. Er sagt, dass er heute etwa ein Drittel des Lebensunterhaltes seiner Kleinfamilie allein über die Tauschwährung finanziert. 

 

Die weite Anreise sollte sich für beide Seiten lohnen. So wurde für Freitagabend, den 19. 7. 13, ein Vortrag in der Landezentrale für politische Bildung in der Bertholdstraße anberaumt. Er wandte sich an die breitere Öffentlichkeit aus Wissenschaft, Sozialberufen und interessierten Bürgern und machte dadurch auch den Talent-Tauschring e. V. und seine Idee in der Stadt besser bekannt.

 

Ab 19 Uhr war der Vortragssaal voll und über 30 Bürgerinnen und Bürger, die dem Anschein nach aus sehr unterschiedlichen Motiven gekommen waren, lauschten den fundierten Ausführungen. Nach einem kleinen Film über die Abläufe im Vorarlberger Tauschkreis, gab Rolf Schilling eine kurze Einführung in die Theorie des Geldes und die aktuell vorherrschenden Verteilungsprobleme. Dann vertiefte er einzelne Aspekte und ging jeweils direkt auf Fragen ein.

 

Wie war es gelungen, örtliche Läden wie einen Bäcker oder eine Gärtnerei langfristig an den Tauschring zu binden? Wie funktionierte die Konstruktion mit der Genossenschaft und dem Regionalgeld? Antwort: Bürger in Vorarllberg können gegen Euro den „Langenegger“, also das dortige Regiogeld eintauschen und umgekehrt. Talente – die zwar in Vorarlberg auch so heißen, aber eine Stunde mit 100 Talenten berechnen – können dagegen nicht gegen Euro getauscht werden. Wenn Regiogeld in Euro zurück getauscht wird, können aber bis zu 50 Prozent in Talenten ausgegeben werden. Von diesem Zulauf an Euros kauft die Genossenschaft z. B. Mehl, so dass der Bäcker einen Teil seines Bedarfs im lokalen Wirtschaftssystem deckt.

 

Ein weiteres Plus ist die Möglichkeit ins Minus zu gehen. Für einen Wirtschaftsbetrieb ist das ein zusätzlicher Kreditrahmen, der eine Motivation für die Mitwirkung darstellt. Es werden sogar immer mehr öffentliche Träger für diese Idee gewonnen. Öffentliche Zuschüsse an Vereine werden in Vorarlberg teilweise in Talenten oder in der Regionalwährung ausgezahlt. Schilling berichtete, dass sich darüber der Musikverein beschwerte hatte, weil er vor Ort keine Instrumente bekomme. Also wurde der Zuschuss um 10 % erhöht und die Instrumente werden jetzt über eine Art Gebrauchthandel regional besorgt.

Viele Gewerbe sind nun wieder im lokalen Rahmen lohnend, so werden Trachten wieder direkt in Vorarlberg genäht und altes Handwerk entsteht neu.

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Nach dem intensiven Vortrag vom Vorabend ging es am nächsten Morgen um 11 Uhr zur Eröffnung des Sommerfestes und zum Regionaltreffen weiter. Auch hier war der Saal gut gefüllt. 20 bis 30 Personen lauschten interessiert den Ausführungen. Diese waren inhaltlich ähnlich wie am Vorabend, aber etwas kompakter präsentiert. Von großem Interesse waren vor allem die Modelle zur Altersvorsorge: Die Teilnehmer erbringen heute kommunale Hilfsdienste für ältere Menschen und sparen die Entlohnung für die eigene Unterstützung im Alter an. Wie mit der Konstruktion von Regiogeld, Tauschwährung und Genossenschaft braucht es auch hier einige Konzentration, um das Modell nachvollziehen zu können, was sich an den Nachfragen zeigte.

Manches ist noch in der Probephase und wird noch nicht so umgesetzt, wie es mittelfristig zu wünschen wäre. Gesetzliche Regelungen machen oft besondere Kniffe nötig oder erschweren das Gelingen überhaupt. So will der Gesetzgeber das aktuelle Projekt der Sozialversicherungspflicht unterwerfen, wodurch sich das Ansparen für das eigene Alter aber nicht mehr lohnen würde. Wer die Vorträge nachlesen will: Die Präsentation liegt auf der Tauschring-Webseite.

 

Die Präsentationen im Hauptsaal auf dem Sommerfest waren eng getaktet. Wir verlegten die zu kurze Fragerunde deshalb an den Anfang des Regiotreffens. Das Regiotreffen soll vor allem die Tauschringe aus der Nachbarschaft ansprechen, aber je nach Thema sind auch die Grenzregionen und Städte in ganz Baden-Württemberg willkommen. In diesem Jahr kamen drei BesucherInnen aus der Schweiz und aus Stuttgart, Gäste aus Konstanz, Österreich, dem Allgäu (Lindau-Wangen) und – was dann schon wieder näher lag – aus dem Elztal.

Es kamen Fragen zur Ansparfunktion, zur Limitierung von Konten und zur Vergütung von Aktiven im Tauschsystem. Nach der Vorstellungsrunde sammelten wir zunächst Themenwünsche. Viele Geburtstage stehen in der Tauschszene an. So hat Talent Schweiz, die „Mutter“ des Talent-Tauschrings (was sich auch im Logo zeigt), in diesem Jahr das 20-jährige Jubiläum (19. Oktober 2013, Lenzburg). Der Tauschring Lindau-Wangen wird 15 Jahre alt und macht ein großes Fest (20. und 21. September 2013).

 

Die etwa 20 Anwesenden klebten die Karten mit Themenwünschen auf einen Flipchart und markierten mit Klebepunkten ihre Vorlieben. Als Ergebnis diskutierten wir für eine gute Stunde das Thema, wie sich Tauschsysteme in der Nachbarschaft zusammenschließen oder besser kooperieren können. Es zeigten sich unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven. Gemeinsam war uns der Wunsch, dass ein Wachstum auch mit einer Vereinfachung und besseren bzw. mehr Leistungen und Angeboten einhergehen soll. Natürlich ginge mit einer Vergrößerung auch die Überschaubarkeit ein Stück weit verloren, weshalb manche kleinen Tauschkreise unter sich bleiben wollen. Ein anwesendes Mitglied formulierte das so: Man sollte im Kleinen im Großen eingebunden sein. Alle waren sich einig, dass gerade beim Tauschen das eigene Viertel, der Radius der eigenen Fußentfernung eigentlich der angemessene Rahmen ist.

 

Daneben ging es auch um die Frage, wie wir mit Behörden und Einrichtungen besser kooperieren können. Darin hat der Tauschring Lindau-Wangen, der mit einem Info-Stand auf dem Sommerfest vertreten war, schon viel erreicht. Dortige Mitglieder können Kurse in der Volkshochschule gegen Tauschwährung buchen. Auch mit dem örtlichen Schwimmbad ist der Tauschring diesbezüglich schon im Gespräch. Sogleich wurde der Vorschlag laut, etwas Vergleichbares mit dem Theater Freiburg zu versuchen.

 

diskussionen

Angeregte Disskussionen im Zelt

 

Das ausführliche Protokoll des Treffens findet sich auf der Tauschring-Webseite. Zu guter Letzt besprachen wir das Bundesarbeitstreffen der Tauschringe/ Aktivgruppen (BATT-Aktiv) im kommenden Jahr in Freiburg. Das Treffen mit dem Motto „Tauschen in Europa“ soll anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Talent-Tauschrings gemeinsam mit anderen Tauschsystemen Ende Mai 2014 in Freiburg veranstaltet werden (vgl. die entsprechende Ankündigung). Es wird ein lebendiger Kongress mit allen möglichen Referenten und Veranstaltungen rings um das Thema „Tauschen“.

 

Wir Freiburger stellten ein vorläufiges Konzept vor, damit die anderen Tauschsysteme mit ihren Mitgliedern diskutieren und den eigenen Beitrag an Hilfe oder Unterstützung planen können. Ein schönes Ziel ist, einen größeren Teil des Tauschkongresses in Talenten abzurechnen, deshalb könnte die Hilfe auch in Form von Produkten oder Essbarem bestehen.

Die Details werden beim nächsten Regionaltreffen auf dem Adventsmarkt am 30. November 2013 besprochen. Die anderen Themenwünsche des Regionaltreffens waren die Frage der Gemeinnützigkeit und die Vor- und Nachteile einer Vereinsgründung. Sie können direkt mit den Fachleuten auf dem BATT-Aktiv besprochen werden. In der Zukunft könnten auch andere Tauschsysteme das Regionaltreffen in ihren Orten abhalten, so dass wir uns auf diesem Wege besser kennen lernen.

 Info-Stand vom Tauschring Lindau-Wangen

Nach gut drei Stunden hatten alle das Gefühl von einem intensiven und kurzweiligen Treffen. Viele der Angereisten blieben noch bis zum Abend, um das Sommerfest und die verschiedenen Vorstellungen zu besuchen. Das Zirkuszelt auf der Wiese hatte für unser Treffen einen schönen und außergewöhnlichen Rahmen geboten und half über den dicht gepackten Zeitplan ein wenig hinweg.

 

Infostand des Tauschrings Lindau Wangen: