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...mit dem größten Tauschring Südbadens!
20 Jahre Talent-Tauschring und Bundestauschkongress in Freiburg: Internationale Gäste, Vielfalt und ein positives Echo

Für seinen zwanzigsten Geburtstag hatte sich der Tauschring viel vorgenommen. Neben der üblichen Feier sollte ein bundesdeutsches Tauschringtreffen abgehalten werden. Nach einem guten Jahr Planung und Vorarbeit, das auch mit Durstrecken, Turbulenzen und Befürchtungen verbunden war, konnten wir schließlich vom 28. Mai bis zum 1. Juni 2014 etwa 50 Tauschring-VertreterInnen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland in der Michalschule in der Kartäuserstraße empfangen, wozu sich über die Tage viele Helfer- und BesucherInnen von uns und den benachbarten Tauschsystemen gesellten. Außer der europäischen Ausrichtung konnten für ein Bundestreffen neue Akzente gesetzt werden und die Resonanz unserer Arbeit zeigte sich nicht nur am Presse-Echo, sondern auch in einer anerkennenden Rede von Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach und positiven Rückmeldungen der TeilnehmerInnen. Ein glanzvoller Höhepunkt war dabei unsere Jubiläumsfeierlichkeit am Samstagabend.

 

Tauschen in Europa: Durch unsere südliche Grenzlage bestimmt, stand dieses Motto früh fest, wobei vor allem ReferentInnen und wegen des sonst nötigen Übersetzungsaufwandes keine TeilnehmerInnen eingeladen werden sollten. In diesem Sinne konnten wir unsere Beziehungen im Dreiländer Eck stärken und unsere FreundInnen aus Österreich und der Schweiz einladen, die vom dortigen Tauschen in verschiedenen Facetten berichteten. Besonders interessant war aber der Besuch von vier Tauschring-Aktiven aus Frankreich (Marc, Monique, Brigitte und Frank Linke, der als Deutsch-Franzose dolmetschen konnten –neben einigen Mitgliedern vor Ort), da der Kontakt zwischen der Tauschszene Deutschlands und Frankreichs in den letzten zehn Jahren ziemlich eingeschlafen war. So erzählte uns Marc vom französischen Tauschring-Verband Selidaire und Frank Linke über das Übernachtungsnetzwerk auf Tauschbasis „Route de SEL“, wobei er durch Rudi Eichenlaub und Dorina Schlupper als Beauftragte („correspondants“) für den Freiburger und Markgräfler Tauschring assistiert wurde. Besonders spannend war aber am Sonntag der auf Englisch gehaltene Leitvortrag von Georgia und Euripides aus Griechenland, welche anschaulich über das TEM-Netzwerk in Volos berichteten, das sich gerade in der Krise seit 2010 entwickelte und mit 1500 Mitgliedern bisher bewährte. Dieser Akzent war auch insoweit ein Novum, als die Reise und der Aufenthalt der beiden vom Tauschring und dem überregionalen Organisationsteam als Zeichen der Solidarität und Völkerverständigung finanziert wurde.

 

BATT-Aktiv: Diese Bezeichnung für einen Veranstaltungsteil und das überregionale Team hat für einige Unklarheiten gesorgt. Ursprünglich gab es ein BATT (Bundesarbeitstreffen für Tauschsysteme), das 2012 um einen BATT-Aktiv-Teil ergänzt wurde. Das heißt, dass neben den Vorträgen und einer festen Agenda zusätzliche Tage über das Wochenende hinaus angeboten werden, in denen autonome Teams ohne feste Tagesordnung selbst konkrete Resultate erarbeiten, die für den eigenen oder alle Tauschringe eine besondere Bewandtnis haben. Positiv war, dass sich der überwiegende Teil der TeilnehmerInnen für alle vier Tage anmeldete. Da aber unklar war, welche Teams sich für welche Themen bilden würden, haben wir im Vorfeld gewisse Beispiele vorgegeben, was dafür sorgte, dass einzelne Veranstaltungen eher kürzer waren und mehr Workshop- oder sogar Vortrags-Charakter hatten und sich nicht einzelne Teams fanden, die über mehrere Tage intensiv an etwas arbeiteten. Einzelne Themen wurden der BATT-Aktiv-Idee aber durchaus gerecht, indem z. B. Ansätze für eine Unterrichtseinheit über Tauschringe erarbeitet wurde (was auch etwas in die Richtung ging, wie man Jugendliche für die Tauschidee gewinnt) oder Überlegungen zu einer neuen Tauschsoftware angestellt wurden. Daneben gab es Workshops zu einem Qualitätssicherungstool für Tauschringe (QUESU), über eine bessere Vernetzung von Inserate-Plattformen und Referate über Tourismus auf Tauschringbasis oder eine Tauschsoftware (Obelio) sowie über mögliche Verbesserungen in der steuerlichen und rechtlichen Behandlung von Tauschringen und ihren Mitgliedern.

 

Tauschkongress: Dieser Begriff wurde vor allem geboren, um in einem bildlichen Ausdruck die Veranstaltung zu benennen. Daneben hatte es überregional eine Aufteilung der Teams gegeben, so dass statt dem Ausdruck „BATT“ eine neue Benennung für ein deutschlandweites Treffen gefunden werden musste, das sich nicht nur an Arbeitsgruppen wendet. Zwischenzeitlich hatte das sogar zu dem Missverständnis geführt, dass der Tauschkongress etwas wäre, das unser Tauschring ausrichtet. In Wahrheit beinhaltet es aber vor allem Vorträge und Diskussionen mit allen möglichen Themen aus dem Tauschringspektrum. Dazu gehörte in diesem Jahr vor allem die schon angesprochene Reihe „Tauschen in Europa“, aber daneben sollte vor allem ein sehr übersichtliches Programm geboten werden, das von Neulingen bis zu Experten für alle etwas bietet und eine Reise nach Freiburg lohnt. Um eine Ballung von Themen am Wochenende zu vermeiden, wurden manche der Vorträge schon an den Vortagen angeboten.

 

Tauschring-Praxis: Unter diesem Thema sollten vor allem Grundlagen für Tauschringe vermittelt werden. Ein Teil dieses Programmes beinhaltete Basiswissen, das auch in anderen Zusammenhängen interessant sein kann. Hier wurde gewaltfreie Kommunikation angeboten, aber auch Moderationstechnik, Fund-Raising und das Erstellen von Webseiten oder auch Rechtsgrundlagen für Vereine –wobei viele über die ungünstige Rechtsgrundlage gerade für nicht als Verein organisierte Tauschsysteme überrascht waren. Hierbei war die Idee, dass vor allem lokale Experten eingesetzt werden sollten, um Reisekosten zu sparen, aber um vor allem kein angelesenes Wissen, sondern eine hohe Qualität zu bieten. Dabei wurde vor allem auf die Referenten aus dem Fortbildungsprogramm des Treffpunkts zurückgegriffen, der diese Maßnahme sponserte, wobei diese Angebote besonders am Samstag auch einer breiten Öffentlichkeit günstig angeboten wurden. Im Rückblick kritisierten allerdings manche TeilnehmerInnen, dass diese Experten von Tauschsystemen naturgemäß wenig Ahnung hatten. Das war bei spezielleren Tauschring-Themen anders. So wurden verschiedene Verrechnungssysteme (Zart und RTR) vorgestellt und die leistungsfähige OpenSource-Tauschsoftware „Cyclos“ mit ihren Erweiterungen für Handys und Smartphones.

 

Tauschring-Entwicklung: Eng mit der Praxis verbunden ist das Stichwort der Entwicklung, wobei meistens Ideen gemeint werden, die man in einen Tauschring integrieren kann, um ihn darüber vielfältiger und vom Angebot her interessanter zu machen. In diesem Bereich waren in diesem Jahr vor allem Beiträge zu einer Alterssicherung durch das Ansparen von Zeit geboten. Aber auch ein kritischer Vortrag des Wissenschaftlers Rolf Schröder ist zu nennen, der in der überregionalen Vernetzung ein gewisses Risiko sieht, dass die Tauschringe das Lokale vernachlässigen und damit an ursprünglicher Identität verlieren.

 

Alternative Wirtschaft und lokales Engagement: In der Planung war dieser Punkt nicht unumstritten. Denn es gibt das Credo, dass auf einer Tauschsystem-Veranstaltung nur solche Themen angeboten werden sollen. Auf der anderen Seite interessieren sich TauscherInnen auch für viele andere Bereiche, häufig lassen sich auch Anregungen daraus ziehen und gerade Freiburg ist für seine sozialen und ökologischen Initiativen bekannt. Aus diesem Grunde wurden besonders angesichts des Infomarktes am Samstag innovative Konzepte im weiteren Bereich der alternativen Ökonomie vorgestellt, wozu das Mietshäusersyndikat, Bürgerenergiegenossenschaften, die Gartencoop und das Regionalgeld Freitaler gehörten. Trotz der Fülle an Veranstaltungen waren eigentlich alle ordentlich besucht und durch die Vielfalt der Ideen kam ein guter Austausch in Gang. Dazu gehörte am ersten Abend auch die Vorstellung des Aktiven-Verbundes „Freiburg im Wandel“, was praktisch zeigt, wie man vor Ort kooperieren kann. Wichtig war bei allen diesen Themen, die in der Planung als „Blick über den Tellerrand“ apostrophiert wurden, das sie mit Tauschsystemen erstmal nichts zu tun haben.

 

Erfahrungsaustausch und Rahmenprogramm

Aber neben den intensiven Themen kam natürlich das gesellige Miteinander nicht zu kurz. Dazu wurde besonders das Tagungscafe gut angenommen, das sich mit seiner Freitreppe zum angrenzenden Park öffnete und bis in den späten Abend gut besucht war – und nicht zuletzt durch das von uns installierte WLAN einen Draht zur Außenwelt ermöglichte. Eine weitere Gelegenheit boten die drei Mahlzeiten am Tag, welche von einen emsigen HelferInnenteam jeweils frisch zubereitet wurden, wobei wir auch auf Spenden der „LebensmittelretterInnen“ bauen konnten. Aber es gab auch vielfältige kleine Ideen und Angebote, die den Austausch verbesserten. So konnten sich die Anwesenden über Streckbriefe besser kennen lernen, auf einem Schenktisch geben und nehmen und ebenso einen Kreislauf getauschter Bücher in Gang setzen.

Im Rahmenprogramm konnte von einem abgeschlossenen Kreis zu Bildungszwecken der Film „Menschen, Träume, Abenteuer“ über das alternative Wohnprojekt 7Linden bei Berlin gesehen werden, um sich gleich am Anfang auf die eigenen Utopien zu besinnen. Daneben gab es kleinere Angebote wie Massagen oder intuitivem Tanz. Obwohl es die TeilnehmerInnen sehr interessierte, konnten wir trotz vieler Anfragen im Vorfeld niemand für eine Stadtführung gewinnen, aber am Samstagmittag war zumindest ein konsumkritischer Stadtspaziergang mit der Initiative „Kaufrausch“ möglich.

 

Tauschmarkt und Jubiläumsfest

Ein besonderer Ansatz der Planung war auch, dass die überregionalen BesucherInnen nicht nur für sich werkeln sollten, sondern eine Öffnung vorgesehen war, damit einerseits lokale und auswärtige Mitglieder stärker in Kontakt kommen, aber sich auch die breitere Öffentlichkeit über die Vielfalt der Tauschszene und ihres Umfeldes informieren kann. Hierfür war der Samstag der große Tag, als neben den vielen Vorträgen und Workshops ein kleiner aber feiner Markt geboten wurde, auf dem Angereiste und Leute vor Ort neben Waren auch Schnupperangebote ihrer Dienstleistungen machten, so dass Fahrräder repariert und verschiedene Beratungen in Anspruch genommen wurden.

Der Höhepunkt war dann abends die große Jubiläumsveranstaltung des Tauschrings, auf der wie gesagt der Erste Bürgermeister Herr von Kirchbach die Grußworte sprach, aber auch sonst ein fulminantes Programm mit viel Musik, Gesang und Tanz geboten wurde. Die meisten Akteure waren aus dem Kreis des Tauschrings oder auch angereiste TeilnehmerInnen. Alle Acts zu nennen, würde zu weit führen, aber ein besonderer Moment war sicher als gemeinsam ein Tauschringlied gesungen wurde, das auch in den zwei Jahren zuvor in Büdingen schon eine gewisse Tradition hatte. Dazu war es ein bewegender Moment, als der Gründer unseres Tauschrings, Paulus Straub, in einer kurzweiligen Weise über die Anfangstage sprach und dabei besonders darauf abhob, dass manchmal Geschichten wichtig sind. Am Beginn war nämlich die Presse schon so an dieser Neuheit interessiert, aber das Tauschgeschehen noch gar nicht wirklich angelaufen, dass das ein oder andere erzählt oder inszeniert werden musste, was dann erst nach und nach Wirklichkeit wurde.

 

Ergebnisse und Fazit

Wahrscheinlich war es eine Geste der Freundlichkeit oder eine Übertreibung aus dem Erleben des Moments heraus, aber es freute natürlich, dass einzelne TeilnehmerInnen das Treffen als bestes benannten, das sie bisher auf Bundesebene erlebt hätten. Insgesamt kann man auf jeden Fall sagen, dass es intensive und schöne vier Tage waren und das zeigte sich auch in der Evaluation zum Schluss, die von einer Sammlung der Vorschläge zu verschiedenen Bereichen abgerundet wurde. Hier wurde vor allem das übliche Problem genannt, dass die Parallelität von Veranstaltungen auch zur Qual der Wahl führt und dass es gerade für Anfänger eine Einführung geben sollte, in der Begriffe erklärt werden sollten, die oft im Plenum wie selbstverständlich eingesetzt werden.

Von uns als Tauschring her war es auf jeden Fall ein gutes Ereignis, das gezeigt hat, was wir gemeinsam erreichen können. Gerade die Mobilisierung der vielen Helfer- und Helferinnen hat uns auch selbst einen Anlass zur Begegnung und Bewährung geboten. Unser besonderer Dank gilt deshalb von Herzen allen, die sich im Vorfeld, währenddessen oder danach in der einen oder anderen Weise für die Veranstaltung eingesetzt haben. Hier sind gerade auch die UnterstützerInnen aus benachbarten und befreundeten Tauschsystemen zu nennen, die sich toll eingebracht haben! Neben der guten Stimmung und den erfreuten Rückmeldungen konnten wir auch finanziell durch den Verkauf von Getränken und Vortragseintritten ein Plus erwirtschaften, so dass sich die Euro-Situation des Tauschrings und des überregionalen Teams (das von der Risikobereitschaft einiger weniger Privatpersonen lebt, da es keinen übergeordneten Verein gibt) erfreulich verbessert hat. Dazu hat auch beigetragen, dass wir zweimal eine Förderung durch den Freiburger Projektfonds erhalten konnten. Wie es im Bereich der Talentausgaben aussieht, müssen wir noch sehen.

Etwas enttäuschend war sicher die relativ geringe Teilnehmerzahl. Da wir in der Planung von der doppelten Anzahl ausgegangen waren, war es zwar recht gemütlich und übersichtlich, aber für den Aufwand und das umfangreiche Angebot wären auf jeden Fall mehr BesucherInnen zu wünschen gewesen. Einen Einfluss hatte dabei sicher, dass zwei andere Initiativen Tauschsystem-Treffen für das Spätjahr in Münster und Leipzig angekündigt hatten, sie aber nach unserer Veranstaltung absagten oder nicht weiter verfolgten. Offen ist leider auch noch, wo und mit wem es im nächsten Jahr weiter geht. Es haben sich zwar einzelne Interessierte für kleinere Aufgaben gemeldet, aber es steht noch kein vollständiges Team und auch der Ort ist somit noch unklar. Es bleibt zu hoffen, dass sich hier in Freiburg und aus ganz Deutschland noch Leute melden, die die gute und demokratische Tradition dieser fundierten und vielfältigen Treffen von TauscherInnen für TauscherInnen weiter führen. Das diesjährige Team wird dabei auf jeden Fall mit Rat und Tat zur Seite stehen.